Silvester: Bräuche und Glücksbringer zum Jahreswechsel
Ein Jahr hört nicht von selbst auf, man muss es ein wenig verabschieden. Darum haben die Menschen zum Jahreswechsel seit jeher kleine Bräuche: etwas gießen, etwas essen, etwas verschenken, einmal laut sein und dann wieder still. Man tut es, weil die Eltern es getan haben, und weil es sich gut anfühlt, das neue Jahr nicht ganz unvorbereitet hereinzulassen.
Der Himmel in der Silvesternacht 2026
Um Mitternacht steht der Mond in der Waage, zu 38 % beleuchtet, abnehmend. In der Silvesternacht schauen viele nach oben, wegen der Raketen. Wenn der Rauch sich verzogen hat, steht dort derselbe Himmel wie am Abend davor, und der Mond geht seinen Gang, als wäre nichts gewesen.
Den Himmel um Mitternacht ansehen
Die Bräuche
Bleigießen, heute Wachsgießen
Deutschland, Österreich und die Schweiz
Nach Mitternacht wird ein kleines Stück Metall oder Wachs auf einem Löffel über der Kerze geschmolzen und in kaltes Wasser gegossen. Aus der Form, die dabei entsteht, oder aus ihrem Schatten an der Wand liest man, was das neue Jahr bringen soll: ein Herz für die Liebe, Blumen für eine neue Freundschaft. Seit April 2018 dürfen Sets mit Blei wegen der EU-Chemikalienverordnung nicht mehr verkauft werden, seither gießt man Wachs oder Zinn.
Der Brauch gehört zu den alten Orakeln der Raunächte und wird heute vor allem aus Geselligkeit gepflegt.
Glücksbringer
Deutschland, Österreich und die Schweiz
Zum Jahreswechsel verschenkt man kleine Glücksbringer: ein Schwein aus Marzipan, einen Schornsteinfeger, ein vierblättriges Kleeblatt, ein Hufeisen oder einen Fliegenpilz. Den Schornsteinfeger anzufassen oder seinen goldenen Knopf, soll Glück bringen. Das Hufeisen hängt man über die Tür, damit es das Haus beschützt.
Der Schornsteinfeger brachte früher buchstäblich Glück ins Haus, denn erst mit einem sauberen Schornstein konnte man wieder kochen und heizen.
Feuerwerk und Lärm um Mitternacht
Deutschland, dazu Österreich und die Schweiz mit örtlichen Regeln
Um Mitternacht läuten die Glocken, und draußen knallt und leuchtet es. Der Brauch sagt, dass der Lärm die bösen Geister des alten Jahres vertreiben soll, damit das neue ohne sie beginnt. Heute schauen die meisten einfach gern zu.
Der Lärm zu Silvester wird mit den Raunächten verbunden, in denen man die Unholde mit Krach fernhalten wollte.
Dinner for One
Deutschland und die Schweiz
Am Silvesterabend läuft im Fernsehen der Sketch von Miss Sophie, die mit ihrem Butler James den neunzigsten Geburtstag feiert, mit vier Freunden, die längst nicht mehr da sind. James trinkt für alle mit. Viele Familien schauen ihn jedes Jahr, obwohl jeder ihn kennt, und gerade deshalb.
Der Norddeutsche Rundfunk hat den Sketch 1963 aufgezeichnet und am 31. Dezember 1972 zum ersten Mal an Silvester gesendet, seither jedes Jahr.
Linsen oder Sauerkraut an Neujahr
Deutschland, je nach Gegend
Je nach Gegend kommen an Neujahr Linsen oder Sauerkraut auf den Tisch. Man sagt, wer davon isst, dem geht im neuen Jahr das Geld nicht aus. Ein voller Teller zum Jahresanfang ist ohnehin kein schlechter Gedanke.
In Oberfranken aß man Linsen für viel Geld schon im 19. Jahrhundert, damals am Heiligen Abend.
Berliner mit Überraschung
Deutschland; in Bayern und Österreich heißen sie Krapfen
Zu Silvester gibt es Berliner, in vielen Gegenden Pfannkuchen oder Krapfen genannt. Manchmal ist einer darunter, der mit Senf gefüllt ist statt mit Marmelade, und von außen sieht man es ihm nicht an. Wer ihn erwischt, sorgt für das erste Gelächter des Abends.
In manchen Gegenden gab es Berliner früher nur an Festtagen, zu Silvester und zur Fastnacht.
Die Raunächte
Süddeutschland, Österreich und der ganze Alpenraum
Die Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar heißen Raunächte oder die Zwölf Nächte, und die Silvesternacht ist eine davon. Man sagt, in diesen Nächten stehe die Welt der Geister offen, und sie gelten seit alters als gute Zeit, um nach dem kommenden Jahr zu fragen. Im Alpenraum ziehen in dieser Zeit die Perchten durch die Orte.
Vermutlich stammen die zwölf Nächte aus der Rechnung mit dem Mondjahr, das elf Tage oder zwölf Nächte kürzer ist als das Sonnenjahr.
Keine Wäsche auf der Leine
Deutschland und Österreich
Zwischen Weihnachten und Neujahr soll keine Wäsche auf der Leine hängen. Der alte Brauch erzählt, dass in diesen Nächten die Wilde Jagd durchs Land zieht und sich in den Leinen verfangen könnte. Manche waschen bis heute in diesen Tagen nicht, auch wenn sie den Grund gar nicht mehr kennen.
Der Brauch gehört zu den Regeln der Raunächte, in denen im Haus Ordnung herrschen sollte.
Guten Rutsch
Deutschland, Österreich und die Schweiz
In den letzten Tagen des Jahres wünscht man sich einen guten Rutsch, in der Schweiz auch Rutsch guet übere. Gemeint ist, dass man gut und wohlbehalten ins neue Jahr kommen möge. Belegt ist der Gruß etwa seit dem Jahr 1900.
Die Herkunft ist umstritten: Die einen leiten ihn vom hebräischen Rosch ha-Schana ab, dem Anfang des Jahres, die anderen vom alten Wort rutschen für reisen, ein guter Rutsch also wie eine gute Reise.
Warum der Tag Silvester heißt
Deutschland, Österreich und die Schweiz
Der letzte Tag des Jahres trägt den Namen eines Papstes. Silvester I. war Bischof von Rom und starb am 31. Dezember 335, und an seinem Todestag wird seiner gedacht. Der Name bedeutet ungefähr der Mann aus dem Wald.
Seit der Kalenderreform von 1582 fällt der Jahreswechsel auf diesen Tag, und so wurde sein Name zum Namen des Abends.
Das Neujahrskonzert
Österreich, im Fernsehen weit darüber hinaus
Am Vormittag des Neujahrstags spielen die Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereins Walzer und Polkas, vor allem von Johann Strauss. Ganz am Schluss kommt der Radetzky-Marsch, und das Publikum klatscht im Takt mit. Viele beginnen das Jahr vor dem Fernseher mit dieser Musik.
Die Philharmoniker zählen ihre Neujahrskonzerte ab dem 1. Januar 1941, im Fernsehen wird das Konzert seit 1959 übertragen.
Pummerin und Donauwalzer
Österreich
Um Mitternacht läutet in Wien die Pummerin, die große Glocke des Stephansdoms, das neue Jahr ein, und der Rundfunk überträgt sie im ganzen Land. Gleich danach erklingt der Donauwalzer, und viele drehen sich im Wohnzimmer oder auf der Straße ein paar Takte im Kreis.
Seit dem Jahreswechsel 1952 auf 1953 steht das Läuten der Pummerin zum neuen Jahr fest in der Läuteordnung des Doms.
Silvesterchlausen
Appenzell Ausserrhoden, Schweiz
Im Appenzeller Hinterland gehen kleine Gruppen von Silvesterchläusen mit schweren Schellen von Haus zu Haus, singen dabei ohne Worte und wünschen ein gutes neues Jahr. Sie tun es zweimal, am 31. Dezember und am Alten Silvester, dem 13. Januar, der nach dem alten julianischen Kalender der letzte Tag des Jahres ist.
Schriftlich erwähnt wird der Brauch zum ersten Mal 1663, damals beschwerte sich die Kirche über den nächtlichen Lärm.
Neujahrsbaden
Ostseeküste, dazu Seen und Flüsse im ganzen Land
Am Neujahrstag gehen an vielen Badeorten der Ostsee Hunderte Menschen ins kalte Wasser, manche verkleidet, alle nur für ein paar Augenblicke. Man sagt, wer so ins Jahr springt, beginnt es wach und frisch. Danach gibt es warme Getränke am Strand.
In Boltenhagen an der Ostsee lädt man seit über zwanzig Jahren zum Neujahrsbaden ein.
Bräuche sind Überlieferung, keine Versprechen: Man pflegt sie, weil sie verbinden, nicht weil sie etwas bewirken.