☽︎Rosis Morgenhimmel

Der Himmel der Wikinger

Alte nordische Sternnamen und wie alt sie wirklich sind

Wer nach nordischen Sternbildern sucht, findet viele schöne Namen: Odins Wagen, Friggs Spinnrocken, Lokis Brand. Nur wenige davon sind wirklich alt. Die verlässlichsten Belege stehen in isländischen Rechenbüchern für den Kirchenkalender, deren ältester Teil um 1192 geschrieben wurde. Diese Texte schöpfen allerdings stark aus der lateinischen Gelehrsamkeit von Isidor, Beda und Honorius, sodass das meiste darin keine heimische Himmelskunde ist.

Aus der Wikingerzeit selbst ist keiner der folgenden Namen bezeugt. Das ist kein Grund, sie nicht zu mögen, wohl aber einer, ihr Alter richtig anzugeben.

Die alten Namen aus dem 12. Jahrhundert

Drei Namen sind gut bezeugt. Der Große Wagen heißt im Isländischen schlicht vagn, der Wagen, und der Kleine Wagen kvenna-vagn, der Frauenwagen. Fiskikarlar, die Fischer, ist der Name für den Orion oder seinen Gürtel; nach Beckman und Kålund war er noch Anfang des 20. Jahrhunderts in Norwegen und Island im Volk gebräuchlich.

Úlfs keptr, der Wolfsrachen, bezeichnet die Hyaden, die Sterngruppe im Kopf des Stiers. Der Name steht in derselben Handschrift, einmal im 12. und noch einmal in einer Sternbildliste des 14. Jahrhunderts. Ob dieser Wolf etwas mit Sköll, Hati oder Fenrir zu tun hat, ist eine Vermutung von Etheridge, kein Beleg.

Der Wagen, die Kerle und Odin

Im Schwedischen heißt der Große Wagen Karlavagnen, der Wagen der Männer oder Kerle. Das Wort ist altschwedisch belegt, das große schwedische Wörterbuch führt als ersten Beleg eine Stelle von 1538 an, und das altenglische carles wæn ist damit verwandt. Erst die Volksetymologie machte daraus später den Wagen Karls des Großen.

Odins Wagen, Óðins vagn, findet man dagegen in keinem altnordischen Text. Jacob Grimm stellte das schon fest: kein altnordischer Odinswagen, nur der Wagen am Himmel. Das Wörterbuch von Cleasby und Vigfússon behauptete zwar, der Große Wagen habe in heidnischer Zeit so geheißen, schloss das aber nur aus einem dichterischen Beiwort im Alvíssmál. Der wirkliche Beleg ist niederländisch: Woenswaghen, Wodans Wagen, in einer Handschrift von 1470.

Frigg, Loki und die Milchstraße

Friggerock oder Friggjarrokkr, Friggs Spinnrocken, für die drei Gürtelsterne des Orion ist skandinavischer Volksbrauch, den Grimm 1835 aufzeichnete; die christliche Ersatzform Marirok, Marias Rocken, steht schon 1695 bei Peter Syv. Einen mittelalterlichen Beleg gibt es nicht, und die altnordisch klingende Form sieht eher nach einer gelehrten Rückbildung aus. Älter ist Friggjarstjarna, Friggs Stern, für die Venus, belegt in mittelalterlicher Prosa und vermutlich eine Übersetzung des lateinischen stella Veneris.

Lokabrenna, Lokis Brand, als Name für den Sirius geht auf Finnur Magnússon zurück, der ihn 1828 in seinem Lexicon Mythologicum nennt; auch die Verbindung zum Feuer von Ragnarök ist seine Deutung. Ein mittelalterlicher Beleg fehlt.

Die Milchstraße schließlich heißt schwedisch Vintergatan, die Winterstraße, mit einem ersten Beleg von 1579. Älter, aber nicht nordisch sind zwei andere Namen: Der sächsische Geschichtsschreiber Widukind von Corvey berichtet um 970, die Milchstraße werde bis heute nach Iring benannt, und im Englischen des 14. Jahrhunderts nennt Chaucer sie Watlinga stræt.

Am Himmel nachsehen

Quellen