☽︎Rosis Morgenhimmel

Der Himmel der Wikinger

Das Nordlicht und die Wikinger

Oft liest man, die Wikinger hätten das Nordlicht für den Glanz der Walkürenrüstungen gehalten. In keinem altnordischen Text steht das. Die Vorstellung stammt aus dem Jahr 1855: Thomas Bulfinch schrieb in seinem Buch The Age of Fable, wenn die Walküren ausritten, werfe ihre Rüstung ein seltsames flackerndes Licht über den nördlichen Himmel, das die Menschen Aurora Borealis oder Nordlicht nennen.

Als Quelle nannte Bulfinch in einer Fußnote selbst eine Ode des Dichters Thomas Gray von 1768, The Fatal Sisters. Aus einem Gedicht des 18. Jahrhunderts wurde so ein angeblich alter Glaube.

Die Walküren in der Edda

Am nächsten kommt dem Bild eine Stelle im ersten Lied von Helgi dem Hundingstöter in der Lieder-Edda. Dort glänzt Licht von den Logafjöll, Blitze zucken, und behelmte Frauen reiten hoch unter Helmen über das Himmelsfeld; von ihren Speeren sprühen Funken.

Von einem Nordlicht ist dabei nicht die Rede. Die Szene ist ein Vorzeichen vor einer Schlacht.

Der Königsspiegel

Die älteste nordische Beschreibung des Nordlichts steht in einem norwegischen Lehrbuch aus der Zeit um 1250, dem Königsspiegel, Konungs skuggsjá. Darin erklärt ein Vater seinem Sohn die Welt, und er spricht auch vom norðrljós, dem Nordlicht, das die Grönländer kennen. Er gibt offen zu, dass er darüber kein sicheres Wissen habe.

Dann beschreibt er es genau. Es sei in den dunkelsten Nächten am hellsten und bei Mondlicht selten zu sehen. Strahlen schössen wie Flammen empor, so hell, dass man dabei jagen könne, und manchmal werde es trüb, als blase jemand schwarzen Rauch zwischen die Strahlen.

Drei Erklärungen bietet er an. Vielleicht handle es sich um Feuer, die das äußere Meer umgeben, vielleicht um Widerscheine der Sonne, die von unterhalb des Erdrandes nach oben strahle. Oder Frost und Gletscher seien so mächtig geworden, dass sie selbst diese Flammen ausstrahlten; diese dritte Erklärung hält er für die wahrscheinlichste. Keine der drei hat mit Göttern zu tun.

Ein nüchterner Blick

Das ist das eigentlich Schöne an dieser Quelle: Ein Mann des 13. Jahrhunderts sieht ein Himmelslicht, das er nicht versteht, sagt das ehrlich und sucht eine natürliche Ursache. Die Walküren kamen erst rund sechshundert Jahre später hinzu, aus der Dichtung des 18. und 19. Jahrhunderts.

Wer selbst einmal ein Nordlicht sehen möchte, findet auf dieser Seite die aktuelle Vorhersage. Und vielleicht denkt man dann weniger an Walküren als an jenen Vater, der zugab, es nicht zu wissen.

Am Himmel nachsehen

Quellen