Aurvandils Zeh: ein erfrorener Zeh als Stern
Die zweite Sternsage der Prosa-Edda ist eine Nebengeschichte. Nach seinem Zweikampf mit Hrungnir steckt Thor ein Stück Wetzstein im Kopf. Die Seherin Gróa, die Frau des Aurvandil, singt Zauberlieder, um es zu lösen. Da erzählt Thor ihr, er habe Aurvandil in einem Korb aus Jötunheim nach Norden getragen. Ein Zeh habe herausgeschaut und sei erfroren; den habe Thor abgebrochen, an den Himmel geworfen und daraus den Stern gemacht, der Aurvandils Zeh heißt.
Gróa freut sich über die Nachricht so sehr, dass sie ihren Zauber vergisst, und der Stein bleibt in Thors Kopf stecken. Man darf die Geschichte ruhig mit einem Lächeln lesen.
Ein Name, älter als die Edda
Der Name selbst reicht über den Norden hinaus. Im altenglischen Gedicht Crist I, überliefert im Exeter-Buch, einer Handschrift des 10. Jahrhunderts, heißt es: „Eala Earendel, engla beorhtast“, sinngemäß: O Earendel, hellster der Engel, über der Mittelerde den Menschen gesandt. Earendel bedeutet dort so viel wie aufgehendes Licht oder Morgenröte.
In einer gotischen Bibelhandschrift steht an der Stelle Jesaja 14,12 wahrscheinlich auzandil für Luzifer, den Morgenstern. So liest es P. A. Kerkhof, und mehrere Fachleute sind ihm darin gefolgt.
Welcher Stern?
Welcher Stern Aurvandils Zeh war, sagt keine alte Quelle, und alle Antworten sind Vermutungen. Jacob Grimm dachte 1835 wegen Earendel an den Morgenstern, also die Venus: Vielleicht meinte dies helle Licht den Morgenstern, schrieb er. Hostetter nannte 1991 Venus oder Sirius.
Das Wörterbuch von Cleasby und Vigfússon schlug 1874 Rigel im Orion vor, mit Fragezeichen, und Stefan Schaffner hat Aurvandil 2021 mit dem ganzen Orion gleichgesetzt. Rigel ist der helle Fuß des Himmelsjägers, und ein Fuß passt zu einem Zeh; ein Beweis ist das nicht.
Im Internet liest man oft, Aurvandils Zeh sei Alcor, das kleine Sternchen neben der Deichsel des Großen Wagens. Dafür fand sich keine wissenschaftliche Quelle; es ist eine Behauptung ohne Herkunft.
Erfunden, um einen Namen zu erklären?
Rudolf Simek hält es für möglich, dass Snorri die Geschichte vom erfrorenen Zeh selbst erfand, um einen Sternnamen zu erklären, den es schon gab. Christian Etheridge bezweifelt außerdem, dass Earendel und Aurvandil überhaupt auf dasselbe Wort zurückgehen.
Sicher ist nur so viel: Im Island des 13. Jahrhunderts kannte man einen Stern dieses Namens, und man erzählte sich, wie er an den Himmel kam.
Am Himmel nachsehen
Quellen
- Skáldskaparmál, übersetzt von A. G. Brodeur 1916 (Wikisource)
- Aurvandill (Wikipedia, englisch)
- Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Kapitel XXII: Himmel und Gestirne (Projekt Gutenberg)
- Cleasby und Vigfússon, Icelandic-English Dictionary (1874), Eintrag stjarna
- Christian Etheridge: A Systematic Re-evaluation of the Sources of Old Norse Astronomy (2012)