☽︎Rosis Morgenhimmel

Der Himmel der Wikinger

Thiazis Augen: zwei Sterne aus der Edda

Unter den wenigen Sternsagen des Nordens ist diese besonders knapp. Snorri erzählt in der Prosa-Edda um 1220, Odin habe Skaði eine Buße für den Tod des Riesen Thiazi geleistet: Er nahm Thiazis Augen, warf sie an den Himmel und machte daraus zwei Sterne. Mehr steht dort nicht, kaum ein Satz, und doch ist es eine der seltenen Stellen, an denen die nordische Überlieferung erklärt, wie ein bestimmter Stern an den Himmel kam.

Odin oder Thor

Die Lieder-Edda erzählt es anders. Im Hárbarðsljóð, einem Streitgespräch, rühmt sich Thor selbst der Tat: Er habe Thiazi gefällt und die Augen von Alvaldis Sohn an den heißen Himmel geworfen, und das seien die größten Zeichen seiner Taten, die seither alle Menschen sehen können.

Die beiden Quellen sind sich also nicht einmal darüber einig, wer die Augen warf, Odin oder Thor. Das ist nichts Ungewöhnliches. Die Edda ist keine Sammlung fester Glaubenssätze, sondern das, was isländische Schreiber des 13. Jahrhunderts aus älteren Liedern und Erzählungen zusammentrugen.

Welche Sterne?

Welche Sterne gemeint sind, sagt keine mittelalterliche Quelle. Schon der Übersetzer Bellows schrieb 1923 dazu, man wisse nicht, welche Sterne Thiazis Augen hießen.

Jacob Grimm dachte 1835 an zwei Sterne, die nahe beieinander stehen und gleich hell und groß sind, und fragte vorsichtig: etwa die Zwillinge? Auch das isländisch-englische Wörterbuch von Cleasby und Vigfússon nennt 1874 Kastor und Pollux, ebenfalls mit Fragezeichen. Seitdem wird die Gleichung oft wiederholt, meist ohne die Fragezeichen.

Ein Denkmal am Himmel

Bemerkenswert ist, wie Thor seine Tat begründet: Die Augen sind ein Zeichen, das alle Menschen seither sehen können. Ein Stern ist hier eine Art Denkmal, und ganz ähnlich erzählt die Edda von Aurvandils Zeh, ihrer zweiten Sternsage, in der wiederum Thor etwas an den Himmel wirft.

Viel mehr solcher Geschichten gibt es in den nordischen Quellen nicht. Die meisten alten Sternnamen des Nordens sind schlichte Bilder aus dem Alltag: ein Wagen, ein paar Fischer, ein Wolfsrachen. Umso auffälliger sind die beiden Sagen, in denen ein Gott selbst Sterne macht.

Eine schöne Vermutung

Thiazis Augen als Kastor und Pollux sind also eine Vermutung des 19. Jahrhunderts, keine alte Überlieferung. Man versteht aber, warum sie gefällt: Die beiden hellsten Sterne der Zwillinge stehen an Winterabenden tatsächlich wie ein Augenpaar nebeneinander.

Diese Seite verweist deshalb auf das Sternbild Zwillinge, aber mit dem Fragezeichen, das schon Grimm gesetzt hat. Wer an einem klaren Abend hinaufschaut, darf an Thiazi denken und zugleich wissen, dass die Edda selbst keinen Stern benennt.

Am Himmel nachsehen

Quellen