☽︎Rosis Morgenhimmel

Der Himmel der Wikinger

Sköll und Hati: die Wölfe hinter Sonne und Mond

Nach der Prosa-Edda gab ein Mann namens Mundilfari seinen beiden Kindern die Namen Mond und Sonne: Máni, dem Sohn, und Sól, der Tochter. Die Götter erzürnte das, und sie setzten die beiden an den Himmel. Sól lenkt seitdem die Pferde der Sonne, Árvakr und Alsviðr, den Frühwachen und den Allstarken. Máni steuert den Lauf des Mondes und bestimmt sein Zu- und Abnehmen.

Er hat zwei Kinder bei sich, Bil und Hjúki, die ihm folgen, wie man von der Erde aus sehen könne. Dass die beiden die Flecken im Mond seien, liest man oft; der Text selbst sagt das nicht, es ist eine moderne Deutung.

Die Wölfe am Himmel

Warum die Sonne so eilt, erklärt Snorri gleich danach: Zwei Wölfe sind hinter ihr her. Sköll läuft der Sonne nach, und es heißt, er werde sie fassen. Hati, der Sohn des Hróðvitnir, springt vor ihr her und will den Mond packen. Ihre Sippe stammt von einer Riesin im Eisenwald, östlich von Midgard. Einer aus dieser Brut, Mánagarmr, der Mondhund, soll den Mond verschlingen und den Himmel mit Blut bespritzen, sodass die Sonne ihren Schein verliert. Den Namen Mánagarmr kennt nur Snorri.

Auch die Lieder-Edda kennt die Wölfe. Im Grímnismál heißt es, Sköll folge der glänzenden Gottheit bis zum Eisenwald, und Hati lauere der leuchtenden Braut des Himmels auf; das Wort Eisenwald ist an dieser Stelle allerdings nur eine Verbesserung der Herausgeber für eine dunkle Stelle. In der Völuspá gebiert eine alte Riesin im Eisenwald die Brut des Fenrir, und einer davon werde die Sonne vom Himmel rauben. Später heißt es dort: Die Sonne wird schwarz, die Erde sinkt ins Meer, und die heißen Sterne stürzen vom Himmel.

Am Ende der Welt, nicht bei jeder Finsternis

Alle diese Stellen gehören zum Weltende, zu Ragnarök. Dann, so Snorri, verschlingt der Wolf die Sonne, der andere Wolf packt den Mond, und die Sterne verschwinden vom Himmel. Im Vafþrúðnismál ist es Fenrir selbst, der die Sonne holt, doch vorher bringt sie eine Tochter zur Welt, die nach dem Ende die Bahnen ihrer Mutter reiten wird.

Keine nordische Quelle sagt, dass ein Wolf eine gewöhnliche Sonnen- oder Mondfinsternis verursacht, und keine erzählt, dass man die Wölfe mit Lärm vertrieb. Diese Verbindung stammt von Jacob Grimm. In seiner Deutschen Mythologie von 1835 ging er von den Wolfsstellen geradewegs zur heidnischen Furcht vor Finsternissen und zum Geschrei über, mit dem man den Mond retten wollte. Er bemerkte dabei selbst, dass gerade die nordischen Texte, die vom drohenden Verschlingen am ausführlichsten erzählen, von einem solchen Geschrei nichts melden.

Die Belege für das Lärmen bei Mondfinsternissen kommen vom Festland und sind lateinisch. Eligius von Noyon im 7. und Burchard von Worms im 11. Jahrhundert verboten es, und das Indiculus superstitionum aus dem 8. Jahrhundert kennt den Ruf „Vince luna“, siege, Mond. Ein Wolf kommt in keiner dieser Quellen vor.

Sonnenwölfe am Winterhimmel

Eine andere Spur führt zu einer Lichterscheinung. Im schwedischen Dialekt heißen Nebensonnen, die hellen Flecken neben der Sonne, solvarg oder solulf, Sonnenwolf; Grimm fand das Wort in einem Dialektlexikon von 1766, und das Norwegische kennt solulv. Rudolf Simek hält es deshalb für möglich, dass die beiden Wölfe ursprünglich ein Bild für Nebensonnen und Nebenmonde waren.

Das ist eine Vermutung, aber eine, die man am Himmel nachprüfen kann. Wer an einem Tag mit dünnen Schleierwolken die Sonne mit zwei hellen Begleitern sieht, versteht, warum jemand an zwei Verfolger denken konnte.

Am Himmel nachsehen

Quellen